Tag Archiv für Die Rote Gefahr

Die Rote Gefahr oder: Lieber eine dreckige Jacke als ein dreckiger Gitarrengurt… – 31. März 1979

Um das “Tagebuch” in (umgekehrter) chronologischer Reihenfolge
zu sehen, klickt unter “Alles oder nichts” auf “Die Rote
Gefahr”

Es war voll früh. Meine Mutter riss die Tür auf und schrie, dass der Umzugswagen da sei, und obwohl die Umzugsleute ja dafür bezahlt werden, stand mein Vater aus lauter Solidarität im Blaumann da. Handwerker seien da sehr empfindlich, wenn man so täte, als sei man besser als sie. Nach einem kleinen Streit mit dem guten Mann, blieb ich einfach im Bett liegen und ließ die Umzugsleute um mich herum werkeln, ich hatte da kein schlechtes Gewissen, denn immerhin war ich später als die im Bett gewesen, also dürfte ich natürlich auch länger schlafen. Als die Herren wieder weg waren, wollte meine Mutter, dass ich sofort mit dem Auspacken anfangen würde, mir war aber klar, dass ich beim kleinsten Versuch, aufzustehen, sofort kotzen müsste. Ich schlief noch bis 16:45 Uhr, guckte dann und legte mich noch eine Stunde hin, nachdem ich das erste Mal die Tapete in meinem Zimmer gesehen hatte. Meine Mutter hatte recht, es war ganz klar, dass hier eine von diesen modernen Raufasertapeten ran musste. Und weiß musste sie sein. Oder sogar schwarz. Dann stand ich auf und öffnete den Karton, in dem ich meine Stereoanlage eingepackt hatte. Die hatte ich einst zur Konfirmation bekommen. Jeder hatte die Konfirmation nur gemacht, um eine Stereoanlage zu kriegen.

Ich baute die Stereoanlage von Schneider auf einem der Kartons auf und suchte aus einem anderen meine Schallplatten raus. Ich legte dann „The Scream“ von Siouxsie And The Banshees auf und hörte das, allerdings in gedämpfter Lautstärke, da ich immer noch sehr lärmempfindlich war. Irgendwie musste ich die Zeit bis zum Abendessen totschlagen, danach wollte ich wieder Richtung Fabrik geben, um möglichst diesen Typen von gestern zu treffen. Ich hoffte, ich würde ihn wiedererkennen. Vielleicht würde er mir noch ein paar interessante Plätze hier in Hamburg zeigen. Meine Eltern ließen mich wenigstens in Ruhe, niemand klopfte mehr an meine Tür.

Nach dem ansonsten sehr wortlos von statten gehenden Abendessen verschwand ich sofort. Mir war klar, dass ich viel zu früh war, doch ich musste raus aus der Wohnung und die frische Luft hatte ich auch dringend nötig. Langsam ging ich zur Fabrik, holte mir unterwegs Zigaretten und rauchte eine. Es schmeckte wie immer widerlich, ich wusste gar nicht, warum ich ständig rauchen musste, eigentlich war das gar nicht nötig, machte einen doch nur krank, jedenfalls hörte man das ja immer wieder. Aber egal, es musste jetzt einfach sein. Ein junger Mann meines Standes musste so etwas auch tun, das gehörte sich einfach so. Aus einem Imbiss holte ich mir ein Sechserpack Bier, dann setzte ich mich vor der Fabrik auf den kleinen Platz und machte es mir erst einmal gemütlich. Ich war froh, dass ich mich einigermaßen warm angezogen hatte, denn es wurde arschkalt. Und das Bier wärmte auch nicht gerade. Liebend gerne hätte ich einen wärmenden Kaffee getrunken, aber ich hatte nun mal Bier gekauft. Mir war klar, dass das Warten womöglich sehr lange dauern könnte, mit etwas Pech hätte der Typ eh glatt vergessen, dass wir uns hier treffen wollten. Oder er erkannte mich gar nicht. Oder wir erkannten uns nicht. Es gab so viele Möglichkeiten, dass wir uns verpassten. Man weiß ja nie, was so alles passieren kann.

Da es April seit heute war, war es inzwischen auch stockdunkel, und bitterkalt war es zudem. Ich dachte über Julia nach, die mich angeblich über alles liebte. Warum aber hatte sie dann heute nicht angerufen? Interessierte es sie womöglich überhaupt nicht, was hier los war, wie es ihrem ach so tollen Schatz erging? Hatte sie vielleicht schon einen Neuen? So schnell? So sind die Frauen halt. Mir sollte es aber nur recht sein, ich war immer noch der Meinung, dass so eine Fernbeziehung keinerlei Chance hätte und vielleicht hatte ich Glück und sie meldet sich einfach nicht mehr, sodass ich nunmehr frei wäre. Doch trotzdem ärgerte es mich, dass sie sich nicht meldete.

Ich trank bereits mein drittes Bier, es war so gegen 22 Uhr, als der Kerl endlich kam. Zumindest glaubte ich, dass er es war…

Die Rote Gefahr oder: Lieber eine dreckige Jacke als ein dreckiger Gitarrengurt… – 31. März 1979

Um das Tagebuch in (umgekehrter) chronologischer Reihenfolge
zu sehen, klickt unter “Alles und nichts” auf “Die Rote
Gefahr”.

Dann waren wir endlich in der “Fabrik”. Die Band spielte schon, die Leute tanzten wie die Blöden. Es war so laut, sodass wir uns kaum unterhalten konnten, wir mussten uns aus vollem Halse in die Ohren gröhlen, aber es ging. Wir sprachen über Musik, PVC, Hilsberg und der Typ vertraute mir an, dass er selbst auch in einer Band spielte. Meine hatte sich nach meinem Weggang aus Berlin leider total erledigt, ich musste hier in Hamburg auch dringend ein paar Leute finden. Dann war erst einmal Stille, zumindest zwischen uns, denn die Band da vorne – wir wussten immer noch nicht, wer das war – brach wahrscheinlich alle Lautstärkerekorde.

Das war gut, wir guckten uns eine Schlägerei an, die erst im Saal und dann draußen sich abspielte, tranken Bier, holten uns was aus einem Imbiss und sprachen kein Wort, da bahnte sich eine Männerfreundschaft an. Gegen zwei Uhr wollte ich nach Hause, ich war mittelschwer betrunken und fragte den Typen nach seiner Telefonnummer, falls man mal was zusammen trinken wolle. Trinken fand er gut. Ich auch.

Ich ging von dannen, schwankte nach Hause und hatte Glück, dass ich es wiederfand, unsere neue Wohnung in der Stresemannstraße. Ich erkannte die Tür an der Eckkneipe in der Nähe. Ich schlich mich in die Wohnung und hatte Glück, dass ich nirgendwo anstieß. Wenn jetzt meine Eltern hier erscheinen würden, beziehungsweise meine Mutter, mein Vater würde niemals freiwillig aufstehen, würde es Ärger geben. Da fiel mir ein, dass ich gar nicht wusste, wie der Typ von vorhin überhaupt hieß. Ich war mir auch gar nicht sicher, ob ich ihn überhaupt wiedererkennen würde.

Es war mittlerweile halb vier. Ich mochte kein Licht anmachen, ich wusste nicht, in welchem Zimmer meine Eltern sich niedergelassen hatten, denn die Möbel waren ja noch nicht gekommen. Ich schlich mich im Dunkeln in mein Zimmer, schloss die Tür und machte erst einmal Licht. Meine Eltern hatten mir eine Luftmatratze hingelegt, doch leider war die noch nicht aufgepustet. Das war wohl ihre kleine Strafe, weil sie es nicht gut fanden, dass ich am ersten Abend mich schon aus dem Staub machte. Ich hatte leider auch keinerlei Lust, das Ding aufzupumpen, obwohl der Püsterich schon in Position stand. Ich war einfach zu blau dafür und packte mich auf die flaue Matratze, damit es wenigstens etwas weich war. Als ich kurz darauf wieder wach wurde, merkte ich, dass ich vergessen hatte, das Licht auszumachen. Das war mir auch egal, dieser ganze Umzug deprimierte mich irgendwie. Ich wäre viel lieber in Berlin geblieben.

Insbesondere, dass ich alle meine Freunde zurücklassen musste. Und dann war da noch Julia, meine Freundin. Auch die ist in Berlin geblieben. Ich glaubte ja nicht, dass das geht, aber sie war überzeugt davon, dass wir eine Fernbeziehung führen könnten. Sie liebte mich sehr, das beteuerte sie mir ständig, und sie zwang mich auch am laufenden Band, ihr die unterwürfigsten Liebesschwüre zu hauchen. Ich hatte ihr angedeutet, dass ich nicht daran glaubte, dass es auf diese riesige Entfernung klappen könnte, doch sie war nicht davon zu überzeugen, dass unsere Liebe den Bach runtergehen würde. Elende Romantikerin. Sie wollte mir täglich einen Brief schreiben. Um Himmels willen, dann würde Montag ja schon der erste kommen. Brauchen Briefe durch die DDR hindurch nur einen Tag? Und das schlimme war, dass sie Antworten darauf wollte.

Kurz bevor ich wegdämmerte, musste ich noch an meine Freunde denken. Da waren Matthias, Ali, Knut und noch jemand, dessen Namen mir grade nicht einfiel. Wir waren eigentlich sehr gute Freunde, doch auch da war ich überzeugt davon, dass es nicht halten würde. Niemand kann einen regen Kontakt über 300 oder gar 350 Kilometer aufrechterhalten, das war unmöglich. Insbesondere, wenn auch noch ein gutes Stück gruselige DDR dazwischen lag. Mir kam aber eine tolle Idee: Ich würde mich bei keinem dieser Leute melden, ich würde warten, bis die sich melden, erst dann würde ich mich zeigen. Ich hatte ihnen meine Adresse in der Stresemannstraße hinterlassen und da mein Vater sich schon zeitig darum gekümmert hatte, wusste ich auch schon die neue Telefonnummer, die ich ihnen gegeben hatte. Wenn sich dann einer per Brief oder Telefon melden würde, wüsste ich, dass vielleicht eine Chance besteht, die Freundschaft aufrecht zu erhalten. Ich war gespannt, wer der erste sein würde. Ich tippte auf Matthias, denn Ali und Knut waren meist zu besoffen. Und der andere war eh nur so ein Mitläufer. Mir fiel sein Name grade wieder ein: Trottel. So hatte Ali ihn jedenfalls hin und wieder genannt.
Dann endlich schlief ich ein.

Die Rote Gefahr – Bundespräsident

Das Stück “Bundespräsident” von DIE ROTE GEFAHR stammt vermutlich ca. aus dem Jahr 1983. Das Video hingegen nicht, das ist neueren Datums.

 

Was ist Die Rote Gefahr eigentlich?

Wie Ihr ja eventuell bemerkt habt, schreibt Tim Klatsch hier bei uns Blog über die Geschichte der Band “Die Rote Gefahr”. Um etwas vorweg zu greifen, da sich seine Einträge ja offenbar ein wenig hinziehen werden, will ich kurz ein paar Infos zur Band geben. Und am Ende könnt Ihr Euch noch ein MP3 runterladen.

Die Rote Gefahr war eine Band aus Hamburg, die 1979 und von 1982-1985 existierte.

Die Band wurde 1979  vom 17-jährigen Tim Klatsch gegründet, der im März mit seinen Eltern von Berlin nach Hamburg gezogen war, wodurch seine Band in Berlin (“Die Kassenschläger”) sich auflöste.
Die Band bestand anfangs aus Tim Klatsch (Keyboard, Gesang, Elektrodrums), Saldiray Klatsch (Gitarre) und Heinz Klatsch (Bass). Klatsch ist selbstverständlich nur ein Künstlername. Die richtigen Nachnamen sind nicht bekannt bzw. sollen nicht bekannt gegeben werden.

Erst im Juni 1979 gab die Band sich den Namen “Die Rote Gefahr”. Saldiray flog raus, da er zu jazzig spielte, dafür kam Tims Kumpel Phillip (auch Wurst genannt) als Gitarrist dazu. Die Band spielte daraufhin zwei Tapes ein, die 2011 wiedergefunden wurden und die soundmäßig wieder etwas aufgepäppelt werden müssen. Im Juni 1979 wollte man auf dem “In die Zukunft”-Festival in Hamburg, Markthalle, das erste Mal live auftreten, stand auch schon mit den Instrumenten vor der Tür, doch dazu in Tims Postings mehr. Kurz darauf musste Tim Klatsch schon wieder wegziehen, nach München, wodurch sich die Band erst einmal auflöste. In München machte er unter verschiedenen Namen Soloprojekte.

Ende 1982 zog Tim, inzwischen lange schon volljährig, wieder zurück nach Hamburg, wo er “Die Rote Gefahr” wieder reanimierte. Es wurden noch mehrere Tapes produziert, und man spielte des öfteren live in und um Hamburg. 1985 löste die Band sich auf.

Musikalisch ging es in Post-Punk-Minimal-Synth-NDW-Wave-Gefilde. Hier mal ein Song, den Tim Klatsch soundtechnisch aufgearbeitet und uns zur Verfügung gestellt hat.

Die Rote Gefahr – Dekadent (MP3 zum Runterladen, ca. 4 MB)

Wenn wir von Tim weitere Songs zur Verfügung bestellt bekommen, werden wir sie hier posten. Viel Spaß damit.

Ein paar weitere Infos gibt es im NDW-Wiki (woraus ich auch in diesem Posting zitiert habe9.

Die Rote Gefahr oder: Lieber eine dreckige Jacke als ein dreckiger Gitarrengurt… – 30./31. März 1979

Bus in Röhre

Bus in Röhre

Das war ein anstrengender Abend gestern. Meine Mutter überreichte mir noch mit beinahe feierlicher Miene den Schlüssel für die neue Wohnung, denn ich konnte nach Mitternacht ja schlecht klingeln und sie und meinen Vater wecken. Da stand ich nun vor der Tür, blickte auf die Stresemannstraße, es schneite leicht, und ich wusste nicht, ob ich nach links oder rechts gehen sollte. Da die Innenstadt wohl links liegt, entschloss ich mich, nach links zu gehen. Kurz darauf kam schon eine Kneipe, “Titanic”, doch weiter, ich konnte ja schlecht in eine Kneipe um die Ecke gehen, denn womöglich würde mein Vater sich den Laden als Stammkneipe aussuchen. Ich bog in die Schützenstraße ein, doch die sah ziemlich verlassen aus. Doch da kam ein Typ aus einer Seitenstraße entgegen, der zumindest heruntergekommen aussah. Und betrunken. Gut. Lederjacke, Parolen, Buttons, wilde Haare, ja, ein Großstadtpunk, wie zu meinen alten Zeiten in Berlin (das lag noch nicht einmal 24 Stunden zurück). Er quatschte mich an, ich auch, also ihn. Er gab mir ein Holsten, wofür ich ihm versprechen musste, den Eintritt in einen Laden in der Nähe, die “Fabrik”, zu bezahlen, wo irgendeine Band auftrat. Das war die Gelegenheit, einen Hamburger Laden und gleichzeitig ein Hamburger Bier zu testen, ein wirklich perfekter Einstieg, insbesondere, wenn man bedachte, dass ich gerade mal 10 Minuten auf der Straße war.

Ich erzählte, dass ich aus Berlin komme, dass Berlin halb in der DDR liegt, aber nicht die Hälfte, in der ich wohnte. Er guckte mich ganz mitleidig an und erklärte, dass eine russische Atombombe wohl als erstes Berlin auslöschen würde. Was für ein Quatsch. Andererseits, da laufen viele Amerikaner rum. Aber wiederum andererseits würde die Russen ja auch die DDR-Seite von Berlin kaputtmachen und verseuchen, insofern dann wohl doch eher eine Atombombe auf Bonn. Na ja, später drüber nachdenken, zu komplex für Freitagabend. Nachdem wir knapp zwei Minuten gesprochen hatten, reichte es auch, wir legten den Rest bis zur “Fabrik” schweigend zurück. Muss ja nicht sein, dass man zu viel quatscht, man muss auch mal eine Pause machen. Sonst hat man sich schnell über, sonst gehen einem ja auch die Themen aus und man muss sich peinlich anschweigen. Dann lieber ein geplantes Vorweg-Schweigen, damit man später noch was zu reden hat. Ich war fasziniert, ein Berliner und ein Hamburger, und wir hatten die gleichen Interessen, nämlich Bier und Atomkrieg, fast nicht zu glauben, wo die Städte doch durch ein kommunistisches Land getrennt sind, dass man so viele Übereinstimmungen finden kann. Und wir scheinen zudem noch die gleiche Musik zu hören. Ich muss unbedingt mal dran denken, ihn zu fragen, wie er heißt, aber später. Grade war Schweigen angesagt.

Dann kamen wir bei der “Fabrik” an. Der Typ holte vier Bierdosen aus seinen diversen Taschen und meinte, ich solle mir zwei davon in die Unterhose stecken, er würde das auch machen, dann würden wir 2 DM sparen. Man glaubt gar nicht, wie kalt und schmerzhaft Bierdosen im März sein können. Na ja, Kinder hatte ich eh nicht geplant.

Die Rote Gefahr oder: Lieber eine dreckige Jacke als ein dreckiger Gitarrengurt… – 30. März 1979

Heute ist Freitag. Nun sind wir in Hamburg angekommen. Mein Vater hat eine 3-Zimmerwohnung in der Stresemannstraße bekommen, im dritten Stock, vorne mit Blick auf die Stresemannstraße, hinten auf einen Hinterhof. Wir haben einen größeren Balkon, der zur Straße zeigt, und einen kleinen, von der Küche aus, auf den man dann den anderen Leuten in die Wohnung gucken kann. Mein kleines Zimmer hat auch Blick nach hinten. Es ist zwar klein, aber immer noch größer als mein Zimmer in Berlin, insofern schon mal ein kleiner Lichtblick. Gestern hatte ich noch mit meinen Bandkollegen gesoffen, einen entsprechend dicken Kopf habe ich heute, aber egal. Morgen kommt der Umzugswagen mit unseren Sachen, solange müssen wir in der total leeren Wohnung verharren, aber meine Mutter hat eine Kühltasche mit Kartoffelsalat mitgebracht, sodass wir nicht verhungern müssen. Außerdem Luftmatratzen und Wolldecken. Die Fahrt hierher war total anstrengend, denn es lag Schnee, und an der Grenze haben wir viel Zeit verloren. Meine Eltern hatten wegen meiner unüblichen Frisur ziemlich Panik, dass uns die Grenzler komplett filzen würden, aber es ging alles gut. Ich glaube, ich gehe heute Abend noch mal weg, mir die Gegend ein bisschen angucken, immerhin haben wir ja noch keinen Fernseher – und selbst wenn, könnte ich mich mit meinen Eltern sicherlich nicht einigen, was man gucken könnte. Ich hatte mich gestern noch schnell umgemeldet. Mit Wohnsitz Hamburg muss ich ja eigentlich auch zum Bund, aber nun wohne ich auf dem Papier bei einem Berliner Freund. Ich hoffe, das reicht, um nicht eingezogen zu werden. Meine Eltern finden das zwar bekloppt, mein Vater meinte sogar, der Bund würde mir etwas Disziplin beibringen, aber Gott sei Dank haben sie kein Theater gemacht. Na gut, ich geh mal raus, mal gucken, was hier so los ist. Bis später…

Die Rote Gefahr oder: Lieber eine dreckige Jacke als ein dreckiger Gitarrengurt… – 28. März 1979

Rote-Gefahr-Foto

28. März 1979. Verdammt, ich höre grade Nachrichten bei RIAS, da ist ein Atomkraftwerk in die Luft geflogen. Irgendwie schlecht. Hab leider nicht alles mitbekommen, weil ich grade ein bisschen abgelenkt war, es soll aber in Amerika passiert sein. Hoffentlich haben wir keinen Westwind. Die Amerikaner sind ja eh ein bisschen komisch. Glaube ich. Hab noch keinen gesprochen, obwohl Berlin ja voll sein soll mit Menschen von da, aber man hört ja immer so Sachen. Vietnam, Hippies und so weiter. Disco! Berliner mögen Amerikaner, aber komisch sind sie trotzdem. Irgendwie läuft momentan alles aus dem Ruder. Warum? Ist halt so, denn heute hatte ich die letzte Probe mit meiner Band. Die letzte, weil ich weggehen muss, denn mein Vater wird versetzt. Er muss nach Hamburg ziehen, und natürlich muss dann die Familie mit, denn ich bin grade mal 17. Das Ganze passierte innerhalb von wenigen Tagen, letzte Woche noch wusste keiner von uns davon, und nun soll es am Freitag schon losgehen. Ein Umzugsunternehmen räumt morgen die Wohnung aus, am Samstag kommt sie dann in Hamburg an und räumt dort wieder aus. In eine Wohnung, die von der Firma meines Vaters für uns angemietet wurde.

Der Turmbau zu Babel

Der Turmbau zu Babel

Und es ist ja nicht nur die Band, die ich nun aufgeben muss, da ist ja auch noch Julia, eine Bekannte. Na ja, meine Freundin. Die war richtig geschockt, als ich ihr die schlechte Nachricht mitgeteilt hatte. “Tim, was soll aus uns werden?”, quakte sie. Na ja, Fernbeziehung eben. Klappt bei anderen ja auch. Glaube ich. Hab ich mal in der Praline gelesen, dass es da ein Paar gab, bei dem das hervorragend klappte. Das Geheimnis lag genau darin, dass sie sich nicht zu oft sahen, sodass sie dann ganz heiß aufeinander wurden. Das habe ich Julia auch gesagt, dass es wahrscheinlich toll sei, wenn wir uns nur noch so selten sehen würden. Sie fand das nicht, doofe Kuh. Na ja, in Hamburg muss ich dann wohl neue Leute kennenlernen, in eine neue Schule, vor allem eine neue Band gründen oder finden, das ist natürlich ganz wichtig. Es tut sich momentan ja eh so einiges in Sachen Musik. Ich halte Euch auf dem Laufenden. Auch was da in Amerika passiert.