Tag Archiv für Literatur

Kurzgeschichte von 1985

Als mir beim Aufräumen eines Schrankes ein Karton mit beschriebenen Papier in die Hände fiel, stellte sich das als Sammlung selbstgeschriebener Kurzgeschichten seit Mitte der 80er Jahre heraus. Persönliches, Horror und Science Fiction, teilweise arg pubertär, aber Teil meines Lebens. Aus nostalgischen Gründen entschied ich mich, eine der ältesten Geschichten aus dem Jahr 1985 mal unverändert hier einzustellen. Lediglich ein paar Rechschreib- und Grammatikfehler habe ich beim Abtippen berichtigt.
Schon interessant, wie wir Jugendlichen damals auf das Ende der Zivilisation, das ja unmittelbar bevorstand, warteten in einer Welt, die von Ronald Reagan, Margaret Thatcher, Helmut Kohl und Konstantin Tschernenko gesteuert wurde…

 

DAS ENDE DES KRIEGES

Einsam lagen die Ruinen, die einmal Moskau waren, in der Dämmerung.

Etwas außerhalb der Stadt saß ein Mann. Er wusste, dass er Bubkov hieß. An seinen vollen Namen konnte er sich jedoch nicht mehr erinnern. Er saß vor einem alten Bunker. Bubkov wusste auch nicht, wie alt er war. Wenn er aufstand, ging er gebeugt, wie ein alter Mann. Der ungepflegte Bart, die langen Haare und die schmutzige, zerrissene Kleidung zeugten davon, dass Bubkov schon lange allein in dieser Wildnis war.

Andere Überlebende kannte Bubkov nicht. Sie waren vor langer Zeit weggezogen. Sie hatten Angst vor dem nächsten Atomschlag gegen Moskau. Nur Bubkov zog nicht weg, denn er wusste, dass es wohl kaum etwas nützen würde.

Nun, als er vor dem Bunker saß, versuchte er, sich an den Beginn des Krieges zu erinnern, der der letzte werden sollte. Warum und wann der Krieg begonnen hatte, wusste Bubkov nicht mehr. Irgendwann fing er einfach an.

Zuerst wurden nur konventionelle Waffen eingesetzt, denn die beiden Weltmächte, USA und UdSSR, trauten sich nicht, Atomwaffen einzusetzen. Irgendwann jedoch waren die konventionellen Waffenarsenale erschöpft und die ersten Atomraketen wurden gezündet. Washington führte den Erstschlag. Kiew verging im atomaren Höllenfeuer. Der Gegenschlag durch Moskau war eine logische Folge. Boston hörte auf, zu existieren. Danach ging es Schlag auf Schlag. Eine Großstadt nach der anderen wurde angegriffen und zerstört.

Nach dem ersten Angriff auf Moskau flüchteten die Überlebenden, in der Hoffnung, sich in Sicherheit bringen zu können. Nur Bubkov blieb. Er hatte Zeit, viel Zeit. Zeit zum Nachdenken.

Immer wieder versuchte er, sich an den Grund des Krieges zu erinnern. Er wollte und wollte ihm einfach nicht mehr einfallen. Es ging einfach eines Tages los. Es muss Mitte der 90er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts gewesen sein. Auch das wusste Bubkov nicht mehr genau.

Doch jetzt neigte sich der Krieg seinem Ende zu. Die Waffenarsenale beider Seiten waren leer. Die letzten Raketen wurden gezündet. Bubkov wusste es, obwohl niemand ihm etwas gesagt hatte. Er wusste es einfach. Er wusste auch, dass seine Tage gezählt waren. Angst hatte er aber nicht. Was sollte er auch noch auf der menschenleeren Erde? Er war doch allein.

War er wirklich allein? Er wusste es nicht.

Tiere gab es schon lange nicht mehr. Zumindest nicht mehr hier, in Moskau. Menschen hatte Bubkov auch schon lange nicht mehr gesehen. Er wusste nicht, ob es Tage oder Jahre waren, seit er den letzten Menschen gesehen hatte. Er hatte kein Gefühl mehr für die Zeit.

Es wurde auch nicht mehr richtig dunkel oder hell. Die ganze Zeit herrschte ein Dämmerlicht, als wenn die Erde aufgehört hätte, sich zu drehen.

Jetzt hörte Bubkov ein leises Heulen in der Luft, das immer lauter wurde und sich zu einem Dröhnen verstärkte. Bubkov wusste, dass es eine Rakete war. Er wusste, dass es die letzte Rakete dieses letzten Krieges war. Niemand hatte es ihm gesagt, aber er wusste es.

Das Dröhnen wurde noch lauter. Bubkov taten die Ohren weh. Er wusste, dass das sein Ende war. Es würde die Erlösung sein. Denn er war sehr einsam. -

 

Alexander Pohle (c) 1985